September 23, 2020
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Samir hatte sich vorgenommen, sich gut zu benehmen, alles richtig zu machen, klarzukommen. Klarkommen. Dieses Wort benutzt er oft. In seinem Leben geht es im Moment nur darum: klarkommen mit dem Knast, mit den anderen Gefangenen, mit den Beamten. Klarkommen, nicht wieder Mist bauen, rauskommen. Zumindest für ein paar Stunden, für die Ausgänge. Das ist das große Ziel, schon im März 2016 spricht er davon, was er draußen machen will. Dass er Pizza essen, mit der Familie zusammensitzen und mit seinen Geschwistern spazieren gehen will.

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„Ich will hier drin mit niemandem streiten, ich will meine Strafe absitzen, ich will hier raus, will meine Familie und Freunde sehen“, sagt Samir. Aber der eine Typ, der hat ihn so lange genervt, wollte Tabak von ihm, hat ihn beleidigt. „Da bin ich ausgerastet.“ Es ist nicht das einzige Mal.

Wenn einer regelmäßig ausrastet, dann erfährt Gesa Lürßen das. Seit 2012 leitet sie den Jugendvollzug. Sie hat blonde Locken, meist steckt eine Brille in den Haaren. Sie liebt ihren Beruf, sie mag Gefängnisse. Sie arbeitet hier gerne, weil es ihr wichtig ist, dass auch im Gefängnis die Menschenwürde gewahrt wird. Dass die Gefangenen ordentlich behandelt werden. „Die Menschen, die hier arbeiten, erfüllen einen extrem wichtigen gesellschaftlichen Auftrag. Wer will sich denn sonst mit diesen Menschen beschäftigen?“, fragt sie.

Die wichtigste Aufgabe im Jugendvollzug, sagt sie, sei es, den jungen Männern eine Tagesstruktur zu geben. „Viele lebten vorher in den Tag hinein, die sind morgens nicht aufgestanden, um in die Schule zu gehen.“ Wenn sie aufstanden, dann um sich auf Spielplätzen mit Freunden zu treffen, in Spielotheken zu zocken, bei Bekannten in den Wohnungen abzuhängen. Hier gehen sie zur Schule oder arbeiten. In einem Betrieb sollen die jungen Männer lernen, regelmäßig zu arbeiten. Sie bauen einfache Dinge aus Holz oder malen.

Gesa Lürßen arbeitet seit 18 Jahren im Gefängnis, sie kennt die Geschichten, sie weiß, wie kriminelle Lebensläufe beginnen. „Die Jugendlichen haben häufig einen viel zu hohen Lebensstandard, sie konsumieren alle sehr gern. Gerne Markenartikel, viele Technikgeräte, Partys bis in die Nacht, das kostet Geld. Und wer nicht arbeitet, hat kein Geld. Wenn sie dann auch noch Drogen konsumieren, was viele von ihnen tun, in der Regel Cannabis, dann reicht das nicht. Und dann geht’s los mit den entsprechenden Raubüberfällen und Wohnungseinbrüchen.“

Im Gefängnis will sie den jungen Männern beibringen, Verantwortung für ihr Leben zu übernehmen. Sie sollen die Schuld für das, was sie getan haben, nicht abschieben auf andere. Und nebenbei bringen die Beamten den jungen Männern noch bei, wie man eine Klobürste benutzt, wie sie ihre Zelle saubermachen und dass man Bettdecken und Kopfkissen mit Bettwäsche bezieht. „Die jungen Männer haben häufig nicht mal die einfachsten Dinge drauf. Alles, was wir darüber hinaus schaffen, ist gut“, sagt Gesa Lürßen.

Handys, Drogen und Alkohol sind im Gefängnis verboten. Doch auch wenn jeder Besucher durchsucht wird: Im Gefängnis gibt es alles. „Es gibt eine Subkultur hier, wir können gar nicht so viel überwachen, dass wir immer wissen, was sie aushecken“, sagt Gesa Lürßen.

Einer der Höhepunkte im Gefängnisalltag ist der Einkauf: Für 100 Euro darf Samir jeden Monat einkaufen. Die jungen Männer verdienen Geld, wenn sie arbeiten oder zur Schule gehen. Sie kreuzen das, was sie wollen, auf einer Liste an, der Supermarkt liefert es ins Gefängnis. Samir kauft tief gekühlte Hähnchen, Süßigkeiten, Deo und Haargel. Später, als er einen Kühlschrank in seiner Zelle hat, kauft er auch Margarine, Erdbeermarmelade und Zaziki.

Eine Jugendstrafe dient der Erziehung, das sieht das Gesetz so vor. Wenn die jungen Männer sich nicht benehmen, dann bestrafen die Beamten sie ähnlich, wie manche Eltern ihre Kinder. Sie bekommen Stubenarrest, dürfen nicht fernsehen, statt Taschengeldentzug gibt es eine Einkaufssperre. Und das steht dann auch im Vollzugsplan, einer Vereinbarung zwischen JVA und Insassen. Darin steht, wie Samir sich in der Haft verhält, welche Ziele er hat, ob er arbeitet oder zur Schule geht und unter welchen Bedingungen er Ausgang bekommt.

Abends stehen die Gefangenen am Fenster ihrer Zelle, reden und rauchen. Wenn Samir den Stuhl vor das Fenster zieht und sich drauf stellt, dann sieht er ein Stück Himmel, die Möwen, die vorbeifliegen, die Mauer aus Beton und Stacheldraht. Oft ist es laut, sie rufen von Fenster zu Fenster, viele sprechen Arabisch, nur ein Drittel der jungen Männer im Jugendvollzug sind Deutsche.

Was ist schlimmer, die Tage oder die Nächte? „Die Tage. Die Nächte, da sitzt du am Fenster, wenn du müde bist, schläfst du ein. Die Tage vergehen langsam. Die Nacht ist eigentlich besser. Außer im Sommer, da sind beide Zeiten schlimm. Abends kann man nicht schlafen, wegen der Hitze. Und nachmittags: Man ist eingeschlossen. In Freiheit könnte man schön raus, bei schönem Wetter will man länger als ‘ne Stunde draußen bleiben, die ganze Nacht, man könnte sogar draußen schlafen.“

Das Wichtigste, sagt Samir, sind der Fernseher, der DVD-Player und das Radio. Das alles können die Gefangenen ausleihen: 7,50 Euro kostet ein Fernseher im Monat, drei Euro der DVD-Player, zwei Euro das Radio. Wer Mist baut, muss die Geräte abgeben. Je nachdem, was er getan hat, für Tage oder Wochen. Neulich haben sie ihm das Radio weggenommen, der Fernseher war schon weg. Das Radio, weil er zu spät zur Schule kam. Den Fernseher, weil sie bei ihm zwei Handys gefunden haben. Davor war er auch schon mal weg, wegen einer Schlägerei. Warum er zwei Handys hatte? „Man hat ja hier Freunde. Wenn ich essen gehe, hol‘ ich ja auch nicht nur für mich einen Döner. Dann hol‘ ich für ihn auch einen, ist ja wohl klar.“

Aus der Zeit ohne Fernseher stammt das Bild, das Samir mit Kugelschreiber auf seine Zellenwand gemalt hat. Ein Haus, ein Baum, Strichmännchen: eine Frau und ein Mann, die Händchen halten, vier Kinder, eine Katze. Drunter hat einer geschrieben: „Wenn ich rauskomme, ficke ich Deutschland.“ „Von mir ist nur das Haus“, sagt er. Über sein Bett hat Samir noch ein Bild gehängt: zwei Pferde, in der linken Ecke eine gelbe Sonne mit Strahlen, so wie Kinder sie oft malen. Das Bild ist von ihm.

Samir trägt beide Seiten in sich, die freundliche, verbindliche – und die aggressive, unkontrollierte. Er malt eine glückliche Familie, wenige Monate vorher hat er Menschen eine Waffe an den Kopf gehalten.

An einem Abend gibt es Ärger: Samir sagt, ein anderer Gefangener beleidigte erst ihn, dann seine Familie. Da flippte er aus, er warf seinen Stuhl gegen die Tür, warf das Bett um, schrie, bis ein Beamter kam und ihn beruhigte. „Hätt‘ ich den in die Finger gekriegt, ich hätte den ehrlich kaputtgeschlagen. Ich will das zwar nicht, aber in dem Moment war ich so sauer.“ In seinem Vollzugsplan steht, dass Samir „über ungenügende Konfliktlösungsstrategien verfügt“.

Daniel Magel will den jungen Männern helfen, ihre Konflikte anders zu lösen. Ihre Aggressionen anders abzubauen, ihre Wut in etwas Positives umzuwandeln – Powerliegestütze statt Stühle zerschmettern. „Der Starke bleibt ruhig“, sagt er ihnen wieder und wieder. Der 34-Jährige ist Sportpädagoge, vor ein paar Jahren hat er die Initiative Hoodtraining gegründet, mehrmals die Woche trainiert er ehrenamtlich mit Jungs aus Problemvierteln. Und vier Mal die Woche trainiert er mit den Jungs im Gefängnis.

Es ist zehn Uhr morgens, Daniel Magel klopft an Samirs Zellentür, ruft: „Komm raus!“ Dann lacht er und schließt die Tür auf, Samir lacht auch, die beiden begrüßen sich mit Handschlag, wie es Jugendliche auf der Straße tun. Daniel Magel läuft den langen Gang entlang, sperrt mehrere Türen auf. Viele sind in der Schule oder in der Arbeit. Die Gefangenen, die nichts zu tun haben, die fragt er, ob sie Lust auf Sport haben. Manche sagen Ja, manche Nein.

Zusammen laufen sie zum Sportraum, der sieht mit seinen hohen Fenstern aus wie eine Kirche, an einer Wand hängt eine Jesusfigur am Kreuz, abgedeckt von einem weißen Leintuch. Die Hälfte des Raums ist mit blauen Matten ausgelegt, mehrere Gerüste mit Reckstangen und Barren sind aufgebaut. Alle ziehen ihre Turnschuhe aus, Daniel Magel dreht den Ghettoblaster auf, Hip-Hop dröhnt durch den Raum. Er brüllt Kommandos und macht es vor: im Kreis laufen, Kniebeugen, Sit-ups. Die jungen Männer sind ruhig, wenn er redet; sie tun, was er sagt. Er erklärt ihnen, wie sie einen Hampelmann machen: die Arme nach unten, wenn die Beine zusammen sind. Was die meisten Kinder schon können, ist für einige hier neu.

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Zweiter Teil des Trainings. Sieben junge Männer stehen vor den Reckstangen, auf Daniel Magels Kommando springen sie hoch und machen Klimmzüge, er zählt laut mit. Neulich haben sie einen Wettkampf gemacht, wer die meisten Klimmzüge schafft. Samir hat zwölf Stück geschafft. Ein anderer 13, deshalb gewann der den Kapuzenpulli mit dem Hoodtraining-Logo. Als Samir zum ersten Mal mit Daniel Magel trainiert hat, schaffte er keinen einzigen.

„Wenn sie trainieren und irgendwann fünf schaffen, zehn, zwanzig, dann sehen sie: Ich habe Erfolg, ich kann was schaffen“, sagt Daniel Magel. „Da wird Dopamin in der Birne ausgeschüttet, das bedeutet Glück. Ich bring den Jungs Glück in den Knast.“ Daniel Magel will den jungen Männern Erfolgserlebnisse schenken. Ihnen zeigen, dass sie etwas erreichen können, wenn sie dafür kämpfen. Und zwar nicht nur im Sport. „Wenn einer von denen nicht wieder hier landet, dann hast du‘s geschafft“, sagt er.

Für Samir ist Daniel Magel ein Vertrauter geworden. „Seitdem er täglich zu mir kommt, ist der Alltag leichter. Ich habe Ablenkung, wir machen Sport, wir quatschen, hören Musik. Ich sitz‘ nicht den ganzen Tag nur auf Zelle.“ Sie reden viel, Samir sagt, wenn er wieder draußen ist, dann will er bei Daniel Magels Projekt mitmachen, weiter trainieren. Es ist einer dieser Vorsätze, die er im Gefängnis fasst, die er in dem Moment vielleicht wirklich so meint. Die aber ihre Kraft verlieren, als er dann draußen ist.

Daniel Magel hilft ihm, erzählt Samir. Und wenn er erzählt, dass jemand ihm hilft, dann erzählt er immer, dass er ihm auch hilft. Er hat immer den Sozialarbeitern von Vaja geholfen, wenn die Projekte machten, er kennt sie seit vielen Jahren; er hilft seiner Mutter. Und Daniel hilft er zum Beispiel beim Tragen. Wenn Samir von der Zeit draußen spricht, davon, was er machen will, wenn er wieder frei ist, dann sagt er, dass er allen helfen will, die ihm während seiner Gefängniszeit geholfen haben. Als er dann draußen ist, spricht er davon, dass er erst mal chillen will, relaxen.

Samir ist 19 Jahre alt, er war auf vielen Schulen, einen Schulabschluss aber hat er nicht. Er hat ihn nicht geschafft, kam immer wieder zu spät, mal fünf Minuten, mal zwei Stunden, wechselte oft die Schule. Früh aufstehen konnte er nie, auch wenn ihn seine Mutter jeden Morgen weckte. Wenn er auf dem Weg Freunde getroffen hat, dann haben sie getrödelt, sind was essen gegangen oder in die Spielothek, zum Zocken. „Ich bin zwar jeden Tag hingegangen, hab‘ aber nicht aufgepasst. Ich hab‘ meinen Abschluss nicht geschafft, weil ich nie zugehört und nie gelernt hab‘. Die haben gesagt, du bist nicht bereit für den Abschluss, weil du kannst ja nichts. Das war das Problem. Hätte ich das von Anfang an durchgezogen, hätte ich den auf jeden Fall.“

Hier drinnen will er es durchziehen, hier drinnen hat er nichts Besseres zu tun. Da kann er auch zur Schule gehen. Am 1. April geht es los, drei Monate Elementarkurs, der soll auf den Hauptschulabschluss vorbereiten. Schwarzfahrer, Dealer und Mörder – in den Gefängnisklassen sitzen die unterschiedlichsten Menschen zusammen. Was sie verbindet: Von ihrer Schulzeit haben die meisten wenig mitbekommen. Etwa die Hälfte hat keinen Schulabschluss.

Mitte April 2016, erste Stunde, Deutsch. Sieben junge Männer sitzen im Klassenraum, einer ist Samir. Hausaufgabe war es, neun Sätze zu schreiben. Ein Schüler soll einen Satz an die Tafel schreiben, er geht vor und schreibt: „Wir verbringen Zeit in der Schule“

Die Lehrerin fragt: „Was fehlt?“ Keiner hat eine Idee. Das Satzzeichen, sagt sie, und fragt den Schüler, der vorne steht, was das ist. „Weiß ich nicht.“ „Ein Punkt.“ Samir ruft: „Komma, Fragezeichen.“ Danach diskutiert die Klasse, wo in diesem Satz das Tuwort steht, und darüber, welche Wörter groß und welche kleingeschrieben werden. Am Ende erklärt sie: „Was ich anfassen kann, schreibe ich groß.“ Samir liest einen Satz vor: „Ich liebe es zu puzzeln.“ Dann fragt er: „Bei puzzeln, das p klein oder groß?“ „Klein.“ „Dankeschön.“

Die meisten, die in diesem Raum sitzen, sind nie regelmäßig zur Schule gegangen. Schon einfache Sätze zu bilden, überfordert manche von ihnen; sie richtig zu schreiben, überfordert fast alle. Auch wenn sie mit der deutschen Sprache groß geworden sind. Bildung, heißt es immer, ist der Schlüssel für Erfolg, für ein gutes Leben. Wer als Jugendlicher im Gefängnis landet, der hat davon meist wenig abbekommen.

Samir sitzt in Jogginghose und Turnschuhen am Platz, in der Hand dreht er den Schlüssel zu seiner Zelle hin und her. Die Beamten bestimmen, wann die Tür auf ist. Wann sie zu ist, können die Gefangenen mitbestimmen. Am Nachmittag sperren die Beamten die Zellentüren auf, die jungen Männer können sich auf dem Flur unterhalten, andere in ihren Zellen besuchen. Mit dem Schlüssel kann Samir seine Tür absperren, damit kein anderer hineinkommt. Nur die Beamten können immer hinein. Vielleicht trägt Samir deshalb ständig seinen Schlüssel bei sich, dreht ihn zwischen den Fingern, klappert mit ihm. Weil dieser Schlüssel ein wenig Selbstbestimmung ermöglicht.

Mitte Juni, ein anderer Schultag, ein anderer Lehrer: Die Schüler besprechen einen Text und beantworten Fragen dazu. Es geht um einen Bodybuilder, der jahrelang Medikamente genommen hat, um seine Muskeln aufzubauen und jetzt gesundheitliche Probleme hat. Die Schüler sollen ihre Meinung dazu formulieren. Einer liest vor: „Lieber schwach sein als krank sein.“ Als er fertig ist, steht er auf und ruft: „Yeah.“ „Ja, das war gut“, sagt der Lehrer. „Aber setzen Sie sich noch mal hin, bis die anderen vorgelesen haben.“

Die Gefängnis-Schule soll die jungen Männer auf die Schule draußen vorbereiten. Ein Schulabschluss kann ihnen helfen, ein anderes Leben zu führen, – eines, in dem sie keine Straftaten begehen. Im Juni erfährt Samir, dass die Erwachsenenschule seine Bewerbung angenommen hat. Es ist der erste Schritt in die Freiheit: Ab dem nächsten Schuljahr darf er die Schule draußen besuchen, er darf jeden Tag raus, muss nach dem Unterricht aber wieder zurück in die JVA. An der Erwachsenenschule soll er den Hauptschulabschluss machen.

Doch noch hat er ein paar Wochen Schule im Gefängnis vor sich. Um halb zwölf ist Mittagspause. Samir holt seinen Teller aus dem Schrank in seiner Zelle, geht eine Treppe nach unten, dort geben Gefangene das Essen aus. An diesem Tag gibt es Kartoffeln, Gemüse und Frikadellen. Mit dem vollen Teller geht er zurück in seine Zelle, ein Beamter sperrt die Tür zu. Gegessen wird alleine. Noch. Ende Juni 2016 zieht der Jugendvollzug um, in Haus 4, das mehrere Jahre renoviert wurde. Dort sind die Zellen größer, die Toilette ist in einem Nebenraum, und auf jeder der drei Stationen gibt es einen Gemeinschaftsraum. Dort sollen die Gefangenen gemeinsam essen. Sie haben dort auch jeder einen kleinen Kühlschrank im Zimmer, und sie können selbst kochen.

Samir freut sich darauf. Das JVA-Essen ist bei den jungen Männern dauernd Thema: Ihrer Meinung nach gibt es zu wenig, der Eintopf schmeckt nicht. Wursteinlage, was soll das überhaupt sein? Als es dann wenige Wochen später soweit ist und sie eine Küche haben, kochen sie meistens Nudeln. Mal mit Thunfisch, mal mit Sahne und Paprika. Das ist billig, man muss nicht viel einkaufen, und es geht schnell.

Mit dem Brot, das in einer großen grauen Kiste neben der Essensausgabe steht, füttern die jungen Männer die Möwen, die über den Backsteingebäuden kreisen und auf der Gefängnismauer sitzen. „Und morgen heißt es wieder, es gibt zu wenig zu essen“, sagt Gesa Lürßen. Sie lächelt nachsichtig, als sie das sagt. So lächelt sie oft.

Viele der Gefangenen sieht sie wieder. Manche sind dann nicht mehr bei ihr im Jugendvollzug, sondern bei den Erwachsenen. Wenn die zierliche Frau mit den blonden Locken über das Gelände läuft, dann winken sie ihr manchmal aus den Fenstern zu und rufen: „Frau Lürßen, ich bin wieder da!“ Sie lächelt, als sie das erzählt, und zuckt mit den Schultern. Hat sie in solchen Fällen das Gefühl, versagt zu haben? Nein, sagt sie. „Wenn ich das hätte, dann müsste ich ja verzweifeln.“ Und verzweifelt ist sie nicht.

Den jungen Männern gehe es nach ihrer Zeit im Gefängnis besser als vorher, sagt Gesa Lürßen. Sie sind gesünder, sind zumindest eine Zeit lang zur Schule gegangen, haben einen normalen Tagesablauf kennengelernt. Macht das Gefängnis bessere Menschen aus ihnen? „Die Jungs können nur selber aus sich bessere Menschen machen. Wir können sie nur unterstützen“, sagt sie. „Und wenn alles nichts bringt, dann haben wir in der Zeit wenigstens die Bürger vor ihnen beschützt.“ Zum Glück zwingen können sie auch im Gefängnis niemanden.

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Samir hat große Vorsätze. Er sagt, er sei nicht mehr der gleiche wie damals, als er die Spielotheken und die Busfahrerinnen überfallen hat. „Ich hab‘ mir vorgenommen, wenn ich noch mal die Chance bekommen sollte, dann gehe ich auf jeden Fall zur Schule, regelmäßig, pünktlich. Das, was ich vorher falsch gemacht habe, mache ich richtig. Mit Familie und Freunden besser verstehen. Und nicht mehr mit denen loszuziehen, um Scheiße zu bauen, sondern um mit denen was Sinnvolles zu machen. Nicht: Komm, lass uns Scheiße bauen! Sondern: Komm, lass uns Arbeit suchen!“ Wer will er sein? „Das Gegenteil von dem, was ich war.“

Rein – Drinnen – RAUS

Das Jahr 2017 beginnt für Samir in Freiheit. Silvester feierte er mit zwei Freunden in einem Club an der niederländischen Grenze. Seinen 20. Geburtstag verbrachte er mit all seinen Freunden, draußen. Ein halbes Jahr vorher war das noch nicht klar. Denn Samir hatte einen Fehler begangen, der ihm beinahe alle Pläne, alle Hoffnungen auf Ausgänge und eine frühere Entlassung zunichtegemacht hätte.

Wer sich gut benimmt, von wem die JVA-Leitung und die Richter glauben, dass er auf einem guten Weg ist und den auch draußen weitergeht, der wird vorzeitig entlassen. Das Jugendstrafrecht sieht das explizit vor, sagt Jugendrichter Karl-Heinz Rogoll, denn dahinter stehe der Erziehungsgedanke. „Wir wollen die jungen Männer nicht bis zum Ende in der Strafhaft behalten. Wenn das passiert, dann hat alles nichts genutzt.“ Die intensiven Gespräche nicht, das soziale Training nicht, die Struktur im Jugendvollzug nicht. Samirs Prognosen waren gut, im Gegensatz zu denen der meisten anderen. Es kommen nicht viele früher raus, sagt Jugendrichter Karl-Heinz Rogoll. „Ein großer Teil steuert auf das Strafende zu.“ 

Alle sechs Wochen müssen die Gefangenen eine Urinprobe abgeben. Die werden auf Drogenrückstände untersucht. Weil Samir nicht kifft, hat er damit nie Probleme gehabt. Dieses Mal hat er sie doch bekommen. Im Juli 2016 hat er einem anderen Gefangenen seinen Urin gegeben, damit der eine reine Probe abgeben kann. Die Beamten haben ihn erwischt, er hat alles zugegeben, aber das hat nichts genützt. Seine Ausgänge, die er beantragt hatte und die bewilligt waren, wurden ihm gestrichen. Noch ein Fehler, dann kannst du den Schulbesuch draußen vergessen, das war die Ansage.

Er riss sich zusammen. Am ersten Tag nach den Sommerferien verlässt er um kurz nach acht zum ersten Mal alleine die JVA. Fast ein Jahr, nachdem sie ihn verhaftet haben.

Samir trägt Jeans, Kapuzenjacke und Turnschuhe. „Passen Sie auf sich auf, und kommen Sie pünktlich“, sagt ein Beamter an der Pforte. Samir nickt. Es ist sein erster Ausgang, und er muss beweisen, dass die Beamten ihm zu Recht vertrauen. Er darf draußen keinen Alkohol trinken und keine Drogen nehmen, nach der Schule muss er direkt zurück zur JVA. Samir läuft zur Bushaltestelle. Er wartet auf den Bus, spielt mit seinem Zellenschlüssel, fährt bis zum Straßenbahndepot. Dort steuert er den Kiosk an. Das erste, was Samir in Freiheit kauft, sind eine Packung Marlboro und eine Dose Red Bull.

Auf dem Weg zur Schule trifft er einen Freund, das war geplant. Und dann trifft er zufällig noch zwei Frauen, die er von früher kennt, die eine ist die Mutter seines besten Freundes. Sie umarmt ihn, fragt, wie es ihm geht, was er draußen macht, hakt sich bei ihm unter und macht ein Selfie mit ihm. „Das ist ein ganz Lieber“, sagt sie noch, dann müssen Samir und sein Freund weiter, zur Erwachsenenschule.

Die Tische im Klassenraum sind zu einem U gestellt, Samir sucht sich einen Platz an der Seite, direkt neben der Tür. Klassenlehrer Reinhard Kuknat liest die Namen seiner Schüler vor, Samir sagt leise ja, als der Lehrer seinen Namen nennt. 16 Schüler sitzen im Raum, 23 sollten es sein. Wenn alles klappt, kann Samir Mitte Mai seine Prüfungen für den Hauptschulabschluss schreiben. „Sie kommen immer pünktlich“, sagt Klassenlehrer Reinhard Kuknat und blickt in die Runde. Und wer nach Alkohol riecht oder bekifft ist, den werde er nach Hause schicken, kündigt er an.

Samir und die anderen Schüler müssen Unterschriften sammeln. Wenn sie im Unterricht waren, bekommen sie die, wenn sie nicht da waren, gibt es ein Kreuz. „Wenn er sich an die Regeln hält und pünktlich ist, dann bin ich bei solchen Leuten besonders engagiert“, sagt Reinhard Kuknat nach dem Unterricht über Samir. „Damit sie eine möglichst gute Chance für den Neustart haben.“

In der JVA sind sie zufrieden mit dem ersten Ausgang. Samir kommt pünktlich zurück, auch in den nächsten Wochen. Alles läuft nach Plan, keine Probleme.

Er macht das mehrere Monate lang. Im November entscheidet ein Richter, dass Samir vorzeitig entlassen wird, an einem Tag Mitte Dezember 2016. Ein Jahr und vier Monate hat er dann im Jugendvollzug verbracht, fünf Monate davon in Untersuchungshaft. Und dann erfährt er am Donnerstag vorher, dass er schon früher entlassen wird. Schon am nächsten Tag. Er hat zwei sogenannte Freistellungstage: Wer in der JVA zwei Monate arbeitet, bekommt einen Tag gutgeschrieben. Diese Tage werden abgezogen, wenn der Entlassungstermin feststeht und der Gefangene sie nicht vorher als Urlaub genommen hat.

Samir packt schon am Abend seine Sachen. Er hat eine große schwarze Sporttasche und eine weiße Umhängetasche. Eine Tüte voll Müll stellt er morgens um acht in den Abstellraum. Eine große gelbe Plastiktüte ist voll mit den Dingen, die der JVA gehören: Teller, Besteck, Bettwäsche, eine Jogginghose, Unterhosen. Das, was er noch im Kühlschrank hatte, hat er am Abend vorher an die anderen Gefangenen verteilt.

Mit einem Beamten geht er durch seine Zelle, der prüft, ob alles sauber und in Ordnung ist. Ist es. Samir ist aufgeregt, er sagt, auch zu sich selbst: „Bisschen ungewohnt jetzt raus. Man hat sich hier voll eingewöhnt.“  Pause. „Aber ich kann auch zuhause schlafen.“ „Glaub‘ ich auch“, sagt der Beamte. Mit einem anderen Gefangenen schleppt Samir seine Taschen, den gelben Sack und die Matratze nach unten vors Haus.

Dann kommt Samir noch einmal hoch. Er darf sich von zwei Gefangenen verabschieden. Der Beamte schließt eine Zellentür auf, orientalische Musik dröhnt heraus, der junge Mann und Samir umarmen sich, klopfen sich auf die Schulter, auf den Rücken. Dann die zweite Tür. Die beiden umarmen sich, sie kennen sich schon lange, schon aus einer Zeit, als sie noch Kinder waren. „Wir sehen uns draußen“, sagt Samir. Dann sperrt der Beamte die Türen wieder zu. Und Samir hüpft die Treppe runter, raus aus Haus 4.

Die, die bleiben müssen, stehen an ihren Fenstern, einer schüttet Wasser aus dem Fenster und ruft: „Bei uns kippt man Wasser hinterher, damit du nicht wiederkommst.“ Samir gibt seine Sachen ab, bekommt seinen Reisepass zurück und drei Handys, die sie ihm während der Haftzeit abgenommen haben, außerdem ein Päckchen Tabak, das er gleich einem Gefangenen zusteckt, der bei der Rückgabe arbeitet.

An diesem Morgen im Dezember verlässt Samir die JVA. Er wartet ein paar Minuten, ein Freund sollte ihn abholen. Doch er ist nicht da. Sein Auto wurde in der Nacht geklaut, das erzählt er, als Samir ihn anruft. Er versucht, einen Cousin zu erreichen, doch keiner hat Zeit. Nach ein paar Minuten ruft er ein Taxi. Er lädt seine Taschen in den Kofferraum, und als er im Wagen sitzt, da grinst er breit. Draußen, endlich.

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Damit er draußen bleiben kann, darf er in seiner Bewährungszeit keine Scheiße bauen. Bis Ende 2018 dauert die, und zusätzlich muss er bestimmte Weisungen erfüllen: weiter zur Schule gehen bis zum Ende des Schuljahres, ein halbes Jahr lang einen sozialen Trainingskurs besuchen, mindestens einmal im Monat seine Bewährungshelferin treffen und bei seinen Eltern wohnen bleiben.

Januar 2017. Bei einem Spaziergang durch Kattenturm erzählt Samir, dass er an diesem Tag zu spät zur Schule kam. Er war nur eine halbe Stunde da, obwohl er zwei Stunden Unterricht gehabt hätte. „Die alten Gewohnheiten kommen zurück. Das sind halt Gewohnheiten“, sagt er. Kämpft er dagegen an? „Ne, das ist halt so.“ Wenig später sagt er Sätze wie: „Der Knast hat den Kopf sauber gemacht. Ich weiß jetzt, was ich will und was ich nicht will. Was ich nicht will, ist Scheiße bauen. Und was ich will, ist, den graden Weg gehen.“

Das, was er sagt, und das, was er tut, passt oft nicht zusammen.

Sein Vertrauter aus dem Gefängnis, Daniel Magel, sagt: „Schule ist wichtig, Strukturen sind wichtig. Ausbildung ist wichtig. Dann hat er acht Stunden weniger Zeit, um Mist zu bauen.“ Er mag Samir, er glaubt an ihn und daran, dass er es schafft. Dass er nicht zurück ins Gefängnis muss.

Als Daniel Magel und Samir sich Anfang Februar in einem Pizza-Imbiss in Kattenturm treffen, das erste Mal nach seiner Entlassung, ist genau das Thema. Samir sagt, zu 90 Prozent schafft er es, nicht wieder im Knast zu landen. Daniel Magel schüttelt den Kopf und sagt: „Digger, du schaffst das, Mann“, und haut ihm auf die Schulter. „Natürlich schaff‘ ich das, aber ich will nicht sagen zu 100 Prozent. Nachher hab‘ ich den Teufel im Nacken…“, sagt Samir und Daniel Magel fällt ihm ins Wort: „Du gibst einfach dein Bestes und fertig, weißt, wie ich meine?“ Dann essen sie: Samir eine Pizza mit Hühnchen, Daniel Magel Gemüsepfanne. Sportlernahrung.

Samir hat zu diesem Zeitpunkt schon große Probleme in der Schule. Sein Klassenlehrer Reinhard Kuknat glaubt nicht daran, dass er den Abschluss schafft. Samir fehlt oft oder kommt zu spät. „Ab dem Moment, als er aus dem Knast rausgekommen ist, ist die Disziplin schlechter geworden“, sagt Reinhard Kuknat. Vorher war er pünktlich und immer da. Jetzt, Anfang Februar, nicht einmal zwei Monate nach seiner vorzeitigen Entlassung, ist alles anders. Ehrgeiz, die Schule zu  schaffen, kann sein Klassenlehrer bei ihm nicht mehr erkennen.

Ob ein junger Mann es draußen schafft, das hängt von vielen Faktoren ab. Das wissen Jugendrichter Karl-Heinz Rogoll, Jugendvollzugs-Chefin Gesa Lürßen und auch der Sozialpädagoge Hendrik Bahrs. Er kennt Samir und weiß, was er getan hat. 20 Wochen lang hat er jede Woche eine Stunde mit ihm gesprochen. Darüber, was er getan hat, wie das für die Opfer war, was Samir selbst erlebt hat, wie er seine Aggressionen in Zukunft beherrschen kann.

„Gewalt ist eine Lösung“, ist einer der ersten Sätze, die Hendrik Bahrs zu Samir gesagt hat. Mit diesem Satz sichert er sich schon mal die Aufmerksamkeit seines Gegenübers – jahrelang haben die meisten das Gegenteil gehört, von Lehrern, Sozialarbeitern, ihren Eltern. Hendrik Bahrs meint den Satz so, wie er ihn sagt, obwohl er Gewalt ablehnt. Denn zumindest für die jungen Männer löst Gewalt das Problem, selbst Opfer zu sein. Und das sind die meisten, sagt er. Wenn sie Opfer sind, weil sie zum Beispiel von ihren Eltern geschlagen werden oder in der Schule gehänselt werden, und wenn sie dann einmal zuschlagen und der andere dann ruhig ist, ihn nicht mehr ärgert – dann, sagt Hendrik Bahrs, fühlt es sich so an, als ob Gewalt eine Lösung sei. Und aus dem Opfer ist ein Täter geworden. Aber, auch das sagt er: Nicht alle Opfer werden zu Tätern, viele finden einen anderen Weg.

Samir hat keinen anderen Weg gefunden. Junge Männer wie er koppeln sich nach Ansicht von Hendrik Bahrs von ihrer Traurigkeit, ihrer Hilflosigkeit und ihrer Verletztheit, ihrem ganzen Gefühlsleben ab, um sich zu schützen. Und empfinden deshalb kein Mitgefühl mehr. Hendrik Bahrs sagt: „Der erste Schritt zu einem Mitgefühl mit den Opfern ist es, wieder Zugang zu den eigenen Gefühlen zu finden.“

Samir und Hendrik Bahrs gehen zusammen spazieren, spielen Playstation oder reden einfach. Hendrik Bahrs konfrontiert ihn mit seinen Taten, fragt, was seine mieseste Tat war, fragt, wofür er sich am meisten schämt. Die ersten Gespräche führen sie in der JVA, später kommt Samir in das Büro von Hendrik Bahrs. Freiwillig hat Samir all das nicht gemacht: über seine Taten nachgedacht, sich in seine Opfer hineinversetzt, nachempfunden, was ihm durch den Kopf ging, als er vor der Spielothek stand. Das Anti-Gewalt-Training war eine Auflage in seinem Vollzugsplan.

„Die großen Hürden kommen nach der Haftentlassung“, sagt Hendrik Bahrs. „Wenn sich die jungen Männer in einer Welt wiederfinden, in der sie die Anforderungen nicht erfüllen.“ Zur Schule gehen, einen Abschluss machen, einen Ausbildungsplatz finden – wenn sie das nicht schaffen, frustriert das. Und es ist für sie verlockend, in die alte Welt zurückzugehen, in die kriminelle Welt. Die, in der sie sich auskennen, deren Anforderungen sie erfüllen können. Denn am Ende, sagt Hendrik Bahrs, wollen alle das gleiche: Anerkennung, Wertschätzung, Macht und Geld.

Hendrik Bahrs will weiter mit Samir arbeiten, auch nach seiner Entlassung. Dafür müsste Samir einen Antrag stellen, dann würden voraussichtlich weitere Stunden bewilligt, sagt Hendrik Bahrs. „Er weiß, dass ich ihn noch nicht gehen lassen will. Es ist seine Entscheidung, aber ich bin optimistisch, dass er den Antrag stellt.“ Samir stellt ihn nicht.

Und Samir packt die Schule nicht. Anfang März, nicht einmal drei Monate nach seiner Entlassung, meldet er sich ab. Sein Klassenlehrer hat ihm dazu geraten. Wenn er sich nicht abgemeldet hätte, hätten sie ihn rausgeworfen. „Ich bin morgens einfach mit meinem Arsch nicht hochgekommen“, sagt Samir. Und dass er sich über sich selbst ärgert.

Seine Bewährungshelferin will, dass er es im nächsten Schuljahr noch mal versucht. Samir will jetzt erst mal arbeiten. Im Kühllager, Fleisch und Fisch einpacken. Und er wird einem Jugendrichter erklären müssen, warum er nicht weiter zur Schule geht. Weil er damit gegen eine Bewährungsauflage verstößt, muss er mit Sanktionen rechnen. Vielleicht ein paar Tage Jugendarrest, vielleicht Sozialstunden. Zurück ins Gefängnis muss er wohl nicht. Das müsste er erst, wenn er eine schwere Straftat begeht, sagt seine Bewährungshelferin.

Drei von vier jungen Männern, die als Jugendliche oder Heranwachsende im Gefängnis saßen, landen wieder dort. Ob Samir es durchzieht, ob er in Zukunft den geraden Weg geht oder ob er wieder im Gefängnis landet – das hängt nicht zuletzt davon ab, ob er es schafft, sich von falschen Freunden zu lösen. Ob er seinen Schulabschluss schafft, ob er eine Ausbildung findet, ob ihm die Spaß macht und ob er dort Menschen kennenlernt, die ihm ein Vorbild sind. Wenn er von der Zukunft spricht, dann sieht er sich mit einer Familie, mit einer Frau und Kindern. Mit einem guten Beruf, einem guten Leben.

Sorgen macht er sich um seinen kleinen Bruder. Der, sagt Samir, komme gerade in die Pubertät, und der habe auch einen Freund, mit dem er Mitschüler ärgere. „So hat das bei mir auch angefangen.“ Und dass er auf ihn aufpassen will, dass er ihn anschreit, wenn er mitbekommt, dass er Scheiße baut. Damit der Kleine nicht so wird wie er.

Mit der Reportage “Gefangen” erzählt unsere Reporterin aus dem Leben eines jungen Intensivtäters. …

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